Vor 2 Wochen sind wir von Mykonos zurück gekommen. Es war ein traumhaft schöner Urlaub. Überall weiße Häuser mit türkisfarbenen und blauen Fenstern und Türen.
MykonosLetzter Tag am Pool
So viele gute und neue Eindrücke! Wir haben Mykonos erkundet und einen Tagesausflug nach Syros gemacht. Die Atmosphäre zwischen Tochter und mir war entspannt und wirklich gut.
Am Abend der Abreise waren 32 Grad am Flughafen. Im Flugzeug Klimaanlage und ein ewig hustender Passagier hinter mir. In Frankfurt nur noch 12 Grad. Zwei Tage später lag ich mit hohem Fieber, Bronchitis/ Lungenentzündung im Bett.
Inzwischen bin ich auf dem Weg der Besserung. Dank Nachbarn und Freunden mussten weder der Kater noch ich verhungern. Gestern haben wir uns zu unserem Kreativ- Mittwoch getroffen und waren danach Essen. Es war schön, aber auch anstrengend.
Heute ist es grau und regnerisch und sehr herbstlich.
Es ist ein Gefühl innerer Zufriedenheit. Ich sitze im „neuen“ Zimmer am Schreibtisch, ein Glas Wein neben mir und skizziere meine Ideen. Der Kater hat diesen Raum schon länger für sich erobert.
Früher hielt ich die Tür zum ehemaligen Zimmer des Mannes meist geschlossen. Seit es gemalert ist und neu eingerichtet, steht die Tür offen. Es ist mehr, als ein geöffnete Tür, es ist eine innere Öffnung für das Leben allein. Aber nicht nur allein, sondern auch ein Annähern, dass die Innenkinder jetzt Raum bekommen. Einen Raum, den sie so noch nie hatten. Dürfen wir das? Können wir es uns erlauben, ohne erklären zu müssen, weshalb es hier Kinder- und Jugendbücher gibt, Puppen und Plüschtiere.
Es ist ein neuer Lebensabschnitt. Langsam kommt die Kreativität zurück. Und es ist ein Gefühl neuer Freiheit.
Gegenüber der Mutter gelingt uns Abgrenzung, obwohl sie immer noch manipulativ ist, nur sich kennt.
Der Kontakt zu unseren Freunden ist stabil, aber wir können mehr bei uns bleiben, als früher. Nicht mehr ständig nach außen auf die Bedürfnisse anderer gerichtet.
Wir sind neugierig auf das, was kommt. Zum Beispiel den Griechenland Urlaub, wo inzwischen alles von der Tochter gebucht ist. Wir haben uns seit dem Tag der Seebestattung nicht in echt gesehen, nur über Medien. Ein veganer Urlaub, dem ich so zustimmen kann. Es wird gut werden.
Uninteressante Menschen gibt es nicht. Jeder hat seine Geschichte, sein Gesicht, das nur ihm gehört. Ein jeder ein Planet: So reich, und keiner, der ihm gleicht. Versteht:
Auch wenn einer unauffällig lebt, der nichts als Unauffälligkeit erstrebt, ist er unter allen andern dann durch seine Unauffälligkeit interessant.
Jeder hat seine geheime Welt, von einem schönsten Augenblick erhellt, von einem schrecklichsten Tag versehrt: und allen andern ist sie ganz verwehrt.
Und wenn ein Mensch stirbt, stirbt mit ihm sein erster Schnee aus jener grauen Früh, sein erster Kuß nachts und sein erster Zorn: und all das nimmt er mit sich fort.
Bücher bleiben uns und Brücken, Kram und Maschinen, Leinwände, gut gerahmt Geschmeide und Gelumpe – vieles bleibt: und alles andre zerfällt mit seinem Leib.
Das ist das Gesetz dieses rohen Laufs, nicht Menschen sterben: Welten hören auf. Wir weinen ihnen eine Träne nach und erkannten sie nicht am hellen Tag.
Was wissen wir vom Bruder und vom Freund, von ihr, die nah uns ist und ferne träumt! Vom eignen Vater, Gesicht gegen Gesicht, wissen wir, alles wissend, nichts.
Die Menschen gehen fort… Dann sind sie fort. Ihre Welten sind ein toter leerer Ort. Und jedesmal, und denk ich dein, möchte ich über dieses Ende schrein.
Wir haben lange nicht geschrieben, auch nicht immer gelesen. In den letzten Wochen wurden die Schränke des Mannes aussortiert und ausgeräumt. Anderthalb Jahre wurde ein Bogen um sein Zimmer gemacht, aber irgendwann kam der Wunsch nach Veränderung. Es war schmerzlich zu sehen, wieviel Hoffnung auf Leben der Partner noch hatte.
Nun waren eine Woche lang Sohn und Enkel hier. Wir haben das Zimmer gemalert und neu eingerichtet. Nicht mit neuen Möbeln, sondern aus den anderen Zimmern umgestellt. Es ist ein Wohlfühlraum und Besucherzimmer geworden.
Der Sohn ist auf dem Heimweg. Meinen „Jungs“ bin ich sehr dankbar für ihre Hilfe. Dienstag waren 30° und es war echt anstrengend. Körperlich sind wir alle Drei k.o.
Uns bleibt nun, alles wieder in die Schränke zu räumen. Es werden Kisten mit „Kram“ vom Mann übrig bleiben, die später nochmals aussortiert werden müssen. Ganz viel ist bereits zum Wertstoffhof oder in den Müll gewandert. Den Schreibtisch konnten wir verschenken.
Unser Leben verändert sich. Es darf gut sein. Trotzdem ist der Partner immer noch im Herzen dabei.
Ich bin glücklich. In völliger Ungewissheit sind wir am Morgen in die Tierklinik gefahren. Der Tumorverdacht schwebte im Raum. Den Kater musste ich dort lassen- klar. Nach ca. 2 Stunden bekam ich einen Anruf. Dentalröntgen und Untersuchung des „Knubbels“ ergaben, dass es kein Krebs ist. Zwar mussten fast alle Backenzähne im Ober- und Unterkiefer entfernt werden, aber Mizzi wird schmerzfrei und gesund weiter leben können. Am Nachmittag durfte ich meinen zahnlosen Tiger abholen.
Die Ungewissheit der letzten 3 Wochen war schwer zu ertragen. Mein kleiner Eigensinn macht schon wieder, was er will. Er torkelt durch die Wohnung, muss davon abgehalten werden, hoch zu springen. FORL ist die offizielle Diagnose und da alle betroffenen Zähne weg sind, wird es hoffentlich keine Schmerzen mehr geben. Es ist erstaunlich, wie sehr Katzen/Kater verstecken können, dass es ihnen schlecht geht. Da passen der fellige Dickkopf und ich gut zusammen. Erst als er ein Stück Kieferknochen mit Zähnchen ausgespuckt hat, bemerkte ich etwas und konnte handeln. Gut, dass es nicht zu spät war.
Es ist eine Zeit vergangen seit unserem letzten Post.
Die Vorbereitung des runden Geburtstages hat Kraft und Nerven gekostet. Der Geburtstag selber im Kreis der Familie war wunderschön. Auch aus unserem Umfeld erhielten wir viel Unterstützung und wunderbare Glückwünsche und Geschenke.
Aber wie es so ist- es kommt immer das Leben dazwischen. Der Kater spuckte eines Morgens ein Stück Kiefer mit Zähnchen aus. Wir sind noch am selben Tag in die Tierklinik. Es ist eine starke Entzündung, eventuell ein Tumor darunter. Der Kater bekam Depotspritzen mit Antibiotika und Kortison. Sein Verhalten war immer noch völlig normal. Selbst gefressen hat er und gespielt. Nach 2 Wochen sind wir zur Kontrolle und nun wurde ein großes Blutbild veranlasst. Donnerstag ist Zahnsanierung. Falls es etwas bösartiges sein sollte, soll ich überlegen, ob er gar nicht aus der Narkose aufgeweckt werden soll. Es bricht mir das Herz, wenn ich daran denke.
Apropos Herz. Inzwischen war ich bei einer Kardiologin. Was sie so beim Ultraschall sagte, war nicht erfreulich. Es erfolgte eine Einstellung mit neuen Medikamenten. Das war die ersten Tage sehr anstrengend, aber jetzt geht es mir deutlich besser.
Was macht die meiste Angst? Momentan hoffe ich sehr, dass Mizzi wieder gesund wird und ich ihn am Donnerstag wieder mit nach Hause nehmen kann.
Was ist aber, falls nicht? So viele Abschiede in den letzten beiden Jahren! Auf gar keinen Fall soll der Kater Schmerzen aushalten und leiden. Das tue ich ihm nicht an. Mein gesamtes Leben habe ich mich verantwortlich für die Menschen und Tiere gefühlt, die ich liebe. Deren Wohl stand meist über dem eigenen. Es ist nicht so, dass ich meine Bedürfnisse vernachlässigt hätte. Trotzdem macht es mir Angst, wie mein Leben aussehen soll, wenn nur ich bzw. wir da sind.
Wir waren nie so, dass wir Beifall, Anerkennung oder Lob von anderen Menschen brauchten, für das was wir tun. Es fühlte sich immer so an, dass es doch selbstverständlich ist, aus Liebe zu handeln. In den letzten anderthalb Jahren haben wir den Kater immer als unsere Lebensversicherung bezeichnet. Was ist, wenn diese am Donnerstag oder in absehbarer Zeit abläuft?
Zeit meines Lebens hat mich ein Spruch begleitet und oft gut beraten:
„Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“
Immer wieder befand ich mich in gesundheitlichen Situationen, in denen ich nicht wusste, wie es weiter geht. Panik und Verzweiflung, Energie verschwenden, die ich besser brauchen würde? Wenn bei einer Untersuchung vermeintlich ein Tumor gesehen wurde und die Abklärung einige Tage dauerte. Sollte ich schlaflos grübeln? Oder doch diszipliniert abwarten und schauen, wie das Ergebnis sein wird. Und danach weiter sehen.
In meiner Kindheit war das Thema kalter Krieg ständiges Gesprächsthema meiner Eltern. Angstfreie Erziehung sieht wahrlich anders aus. Auch heute lassen Machthaber verbal ihre Muskeln spielen. Viele Menschen haben Angst vor einem 3. Weltkrieg.
Die Entwicklung in Deutschland ist sowohl politisch, als auch wirtschaftlich wenig erfreulich. Teils fühle ich mich an das Ende der DDR- Zeit zurück versetzt. Während man in der Schweiz eine 13. Rentenzahlung beschloss, fordert hier ein Prof. R. eine Nullrunde bei der Rentenerhöhung. Dabei haben Rentner nicht einmal einen Inflationsausgleich erhalten wie viele Bedienstete…
Und doch gibt es die andere Seite des Lebens. Meine Enkeltochter war mit ihrem Partner mehrere Tage hier. So viele gute Gespräche, stöbern im Buchladen, Austausch. Jungbrunnen für eine alte Frau. Die Blumen von den beiden erfreuen mich nun schon über 2 Wochen.
Heute scheint die Sonne, der Kater von nebenan wird unten auf der Wiese von einer Katze umworben. Die ersten Bäume blühen. Früher habe ich den Herbst am meisten geliebt. Das wandelt sich gerade. Diese Verlässlichkeit des Frühlings tut gut. Auch der kälteste und dunkelste Winter wird irgendwann von Licht, Wärme und zarten Blüten abgelöst. Selbst, wenn ich es irgendwann nicht mehr selbst erleben werde- diese Verlässlichkeit bleibt.
Momentan macht mir mein Herz zu schaffen. Eine Kardiologin soll weiter behandeln. Es ist nichts Neues in meinem Leben. Seit meinem 12. Lebensjahr bin ich damit konfrontiert. Und ich möchte schon noch einige Jahre eine gute Zeit erleben. Das, was ich selber dazu beitragen kann, tue ich. Meine Tochter wird als Geschenk zum 70. eine Reise mit mir nach Santorini machen. Das war stets ein Sehnsuchtsort von mir. Sie wollte im Juni reisen, ich bat sie erst im September zu buchen. Ein Ziel, wofür es sich lohnt, Kraft zu sammeln. Vorfreude genießen ist auch schön.
Momentan ist unklar, ob meine Therapie weiter gehen wird. Aber das beschäftigt mich gar nicht so sehr. Demnächst im Mai wird die gesamte Familie sich treffen. Meine Schwester und ihr Partner bleiben einige Tage länger.
Ich freue mich auf die Balkonbepflanzung. Da der letzte Sturm die alte Balkonverkleidung zerlegt hat, habe ich schon mit der Umgestaltung begonnen. Es gibt viele gute Optionen für die nächsten Monate. Vielleicht kann ich nicht jede Entscheidung so treffen, wie erträumt. Aber es gibt Spielraum.
Als ich noch Kind war, hat mir mein Vater vorgeworfen, ich würde das ganze Leben wie ein Spiel betrachten. Vermutlich war das meine Überlebensstrategie. Wenn alles zu viel wurde, setzte ich mich auf die Schaukel und sah Ewigkeiten in den Himmel.
Heute muss man in Computerspielen Herausforderungen meistern, um den nächsten Level zu erreichen. Im realen Leben:
Krabbeln, laufen, sprechen lernen. Missbrauch überleben. In die Schule kommen, Schweigegebote halten. Level 1 erreicht.
Zum Gymnasium gehen, neue Freunde finden. Erste Liebe, danach Mann fürs Leben kennenlernen. Wegzug von Horrorort. Studium beginnen. Erstes Kind weggeben müssen. Weiteres Kind verlieren. Level 2 erreicht.
Heirat, erste gemeinsame Wohnung, Geburt unseres Sohnes. Erste Arbeit. Verlust eines Babies im 5. Monat. Adoption unserer Tochter als Baby. Herzerkrankung. Wohnung mit Fernwärme und Warmwasser. Schönes Familienleben. Wechsel der Arbeit. Level 3 erreicht
Politischer Umbruch. Verlust des Arbeitsplatzes, weil Arbeitsstelle „abgewickelt“ wurde. Gesundheitliche Probleme. Level 4 erreicht.
Zunehmende gesundheitliche Probleme. Operationen, Chemotherapien, Kampf ums Überleben. Wunderbare neue Wohnung in der Innenstadt. Loslassen der Kinder. Silberhochzeit in Florida. Enkelkinder. Es gibt kaum schöneres. Level 5 erreicht.
Zurückkämpfen ins Leben. Erinnern alter Traumata. Diagnose DIS. Völlige Lebensumgestaltung. Traumatherapie. Eigene Hobbys und viel Zeit mit der Familie. Umzug in kleinere Wohnung. Ehemann geht in Rente. Reisen. Level 6 erreicht.
Ruhigere Zeiten. Pandemie. Diagnose Bauspeicheldrüsenkrebs bei Ehemann. Tod von Seelenfreund. Intensive letzte Zeit mit meinem Mann. Tod des Partners. Trauer. NeuOrientierung. Was bleibt? Demnächst Level 7?
Mittwoch 13:35 Uhr sahen wir die erste Schneeflocke fallen. Unser Trio ging in ein Café. Eine Stunde später musste zum ersten Mal der Gehweg vor dem Café vom Schnee geräumt werden. Eine weitere Stunde später war die gesamte Stadt tief verschneit und die ersten Bahnen fielen aus. Ich kam noch gut nach Hause. Es war eine faszinierende Stimmung. Die großen Flocken fielen so dicht, dass ich wie durch einen Vorhang lief. Alle Geräusche wurden gedämpft. Zauberwelt.
Zu Hause angekommen konnte ich den Blick kaum vom Fenster abwenden. Es wirkte so friedlich, obwohl ich wusste, dass etliche Menschen auf den Straßen in Not gerieten. Nach Weihnachten hatten wir aus Lego eine Winterlandschaft gebaut und dieser Zauber dehnte sich nun einfach auf alles aus.
Heißer Tee wärmte uns und der Kater tobte wie ein kleines Kind durch den Schnee auf dem Balkon. Danach schlug er sich den Bauch voll und fiel lächelnd in Schlaf.
In der Nacht zu Donnerstag träumte ich vom Mann. Es war ein so schöner Traum, aber dann suchte ich ihn und wusste wieder um seinen Tod. Der Morgen umfing mich mit einer Schwere und ich wünschte mir, in das weiße Gestöber zu gehen und davon verschluckt zu werden. Weißes Rauschen- alles und nichts.
Irgendwie verging der Tag. Therapie ist erst wieder Ende Januar. Vorgestern war der zweite Todestag von N. Es gibt Kulturen, in denen die Farbe der Trauer Weiß ist. Je älter ich werde, umso mehr wird mir klar, dass all die alten Traumata und Verluste zu meinem Leben gehören. Ich will um keine Therapiestunden mehr kämpfen müssen, fremden Menschen all das nochmals und nochmals erzählen müssen als Bittsteller. Das hat etwas mit Würde zu tun, die ja angeblich unantastbar sein soll. Haha. Es gibt gesicherte Diagnosen und wenn die nicht genügen- sei es drum. Gespart wird sowieso nur bei den Schwächsten. Die gegenwärtige Politik ist schlimmer als zum Ende der DDR- Zeit. Damals sind wir auf die Straße gegangen und haben demonstriert. Heute können das die jüngeren Generationen machen. Ich bin zu müde dafür.
Ich bleibe in meiner Welt mit meinen guten Kontakten im Hier und Jetzt. Von meinem Kater kann ich da viel lernen.